MS

Glatirameracetat

Handelsnamen z.B. Copaxone®, Clift®

Das Medikament

Kurzgefasst: Glatirameracetat-Formulierungen (z.B. Copaxone®, Clift®) sind in Deutschland seit 2001 für Erwachsene mit schubförmiger Multiple Sklerose (MS) zugelassen. Sie werden als Injektion entweder 1 x täglich mit 20 mg oder 3 x pro Woche mit 40 mg ins Unterhautfettgewebe gespritzt. Bei einem Teil der Patienten reduziert Glatirameracetat die Schubrate und hält die Zunahme der Behinderung auf. Insgesamt ist Glatirameracetat sehr gut verträglich und hat keine relevante Interaktion mit anderen Medikamenten. Die wichtigste Nebenwirkung sind daher die Reaktionen an der Einstichstelle. In eher selten Fällen kann es zur systemischen Injektionsreaktion (SPIR) kommen, die mit Herzrasen, Schwitzen, Brustschmerz und Flushing einhergehen kann. Diese Reaktion ist unangenehm aber nicht gefährlich, worüber Betroffene aufgeklärt werden sollten.

Was ist Glatirameracetat?
Glatirameracetat ist ein künstlich hergestelltes Eiweißgemisch und besteht aus den vier Aminosäuren Alanin, Glutamat, Lysin und Tyrosin. In seinem Aufbau ähnelt es einem Baustein der Isolierschicht im zentralen Nervensystem, dem Myelin.

Wie wirkt Glatirameracetat?
Der genaue Wirkmechanismus von Glatirameracetat ist noch nicht komplett verstanden. Vermutet wird, dass durch die Gabe des Myelin-ähnlichen Eiweißgemisches im Immunsystem eine Toleranz gegenüber dem Myelin erzeugt wird und das Immunsystem dadurch lernt, die Myelinscheide nicht mehr anzugreifen.

Für wen ist Glatirameracetat zugelassen?
Glatirameracetat 20 mg ist in Europa seit 2001 zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmiger MS zugelassen. 2008 erfolgte die Erweiterung der Zulassung um die Behandlung von Kindern mit MS ab 12 Jahren. Im Jahr 2015 wurde Glatirameracetat auch mit einer Dosierung von 40 mg zugelassen, welches dann nur noch 3 x Woche gegeben werden musste.

Glatirameracetat wird mit Fertigspritzen ins Unterhautfettgewebe gespritzt. Injektionshilfen, die die Injektion erleichtern sind verfügbar.

Wirkung

Klinische Studien zur Wirksamkeit von Glatirameracetat bei schubförmiger MS

Die Wirkung von Glatirameracetat auf die Schubrate und die Zunahme der Behinderung wurde in mehreren klinischen Zulassungsstudien (Bornstein 1987, Johnson 1995) geprüft und veröffentlicht. Insgesamt wurden in den beiden Studien 301 Patienten mit schubförmiger Multiple Sklerose über einen Zeitraum von 2 Jahren untersucht. Eingeschlossen wurden Patienten, die in den 2 Jahren vor Studienbeginn mindestens 2 dokumentierte Schübe hatten und einen EDSS-Wert von < 6.

Eine Vorstudie zur Therapie mit Glatirameracetat wurde von Bornstein et al. bereits 1987 veröffentlicht. Die 51 daran teilnehmenden Patienten wurden dabei zufällig in 2 Gruppen eingeteilt und bekamen über 2 Jahre entweder täglich 20 mg Glatirameracetat oder ein Placebo. Beobachtet wurden die Schubfreiheit und die Zunahme der Behinderung sowie Nebenwirkungen.

Es folgte eine größere Studie von Johnson et al. (1995), in der 250 Patienten zufällig verteilt über 2 Jahre entweder Placebo oder 20 mg Glatirameracetat bekamen. Untersucht wurden auch hier die Schubfreiheit und die Zunahme der Behinderung. Die Ergebnisse waren eine signifikant niedrigere Zunahme der Behinderung und weniger Schübe bei Gabe von Glatirameracetat.

Eine dritte Studie von Comi et al. wurde 2001 veröffentlicht. Sie hatte das Ziel, die Auswirkungen von Placebo im Vergleich zu Glatirameracetat bei Patienten mit schubförmiger MS in der MRT darzustellen. Hierbei wurden 239 Patienten der Glatirameracetat-Gruppe oder der Placebo-Gruppe zugeteilt und bekamen über 9 Monate eine monatliche MRT. Es konnte beobachtet werden, dass mit Glatirameracetat signifikant weniger Krankheitsaktivität als mit Placebo auftrat.

Wirkung auf die Verhinderung von Krankheitsschüben

Im Folgenden wird erklärt, wie viele Patienten nach zwei Jahren Therapie mit Glatirameracetat oder Einnahme von Placebo noch schubfrei waren. Daraus kann man den absoluten Nutzen (absolute Risikoreduktion) und den relativen Nutzen (relative Risikoreduktion) berechnen.

  • Absoluter Nutzen:
    Der tatsächliche Therapieeffekt zeigt sich, wenn man die Anzahl der Patienten mit Schüben in der Glatirameracetat-Gruppe (63 von 100 Patienten) von denen mit Schüben in der Placebo-Gruppe (73 von 100 Patienten) abzieht. Tatsächlich profitieren 73-63=10, also 10 von 100 Patienten von der Therapie.

    Entspricht einer absoluten Risikoreduktion von: 10 %
  • Relativer Nutzen:
    Wird die Wirkung nur bezogen auf die Patienten mit Schüben dargestellt, haben in der Placebo-Gruppe 73 von 100 Patienten einen Schub und in der Glatirameracetat-Gruppe sind es mit 63 von 100 Patienten 10 weniger. 10 von 73 sind in Prozent umgerechnet 14%.

    Entspricht einer relativen Risikoreduktion von: 14 %

Wirkung auf die Anzahl der Schübe pro Jahr

Die jährliche Schubrate zeigt, wie viele Schübe durchschnittlich pro Jahr pro Patient auftraten. Daten für die jährliche Schubrate wurden nicht in allen Studien ermittelt. In der Zulassungsstudie von Johnson et al. (1995) lag die jährliche Schubrate in der Placebo-Gruppe bei 0,84 Schüben gegenüber 0,59 Schüben in der Glatirameracetat-Gruppe. Etwas verständlicher ausgedrückt: Die Patienten in der Placebo-Gruppe hatten im Durchschnitt alle 14 Monate einen Schub, die Patienten in der Glatirameracetat-Gruppe nur alle 20 Monate.

Wirkung auf die Verhinderung des Fortschreitens der Behinderung

Die Behinderungsprogression wird innerhalb einer klinischen MS-Studie gemessen, indem man untersucht, wie viel Prozent der Patienten einer Studiengruppe sich während der Studiendauer um einen EDSS-Punkt auf der Behinderungsskala verschlechtert haben (wobei diese Verschlechterung nach 3 Monaten nochmals bestätigt wird, um auch wirklich dauerhafte Veränderung zu bewerten).

Im Folgenden wird erklärt, wie viele Patienten nach 2 Jahren Therapie mit Glatirameracetat oder Gabe von Placebo keine Zunahme der Behinderung hatten. Dargestellt sind wieder der absolute Nutzen (absolute Risikoreduktion) und der relative Nutzen (relative Risikoreduktion).

  • Absoluter Nutzen:
    Der tatsächliche Therapieeffekt zeigt sich, wenn man die Anzahl der Patienten mit einer Zunahme der Behinderung in der Glatirameracetat-Gruppe (21 von 100 Patienten) von denen mit einer Zunahme der Behinderung in der Placebo-Gruppe (28 von 100 Patienten) abzieht. Tatsächlich profitieren 28-21=7, also 7 von 100 Patienten von der Therapie.

    Entspricht einer absoluten Risikoreduktion von: 7 %
  • Relativer Nutzen:
    Wird die Wirkung nur bezogen auf die Patienten mit einer Zunahme der Behinderung dargestellt, haben in der Placebo-Gruppe 28 von 100 Patienten eine Zunahme der Behinderung und in der Glatirameracetat-Gruppe sind es mit 21 von 100 Patienten 7 weniger. 7 von 28 sind in Prozent umgerechnet 25 %.

    Entspricht einer relativen Risikoreduktion von: 25 %

Glatirameracetat ist in der 40 mg-Dosierung mit Spritzengabe 3x / Woche seit 2015 und als Pen seit 2019 auch in Europa zugelassen. In einer Studie wurde die Wirkung an 1.524 Patienten untersucht, denen entweder Placebo oder 40 mg Glatirameracetat über 12 Monate verabreicht wurde. Das Ergebnis zeigte, dass mit Glatirameracetat 40 mg 12 von 100 Patienten im Vergleich zu Placebo zusätzlich schubfrei blieben. An Nebenwirkungen trat am häufigsten die Injektionsreaktion, die auch bei Glatirameracetat 20 mg beobachtet wurde, auf. Mit 40 mg Glatirameracetat-Gabe traten im Vergleich zu den 20 mg Glatirameracetat-Gabe in den Zulassungsstudien nicht mehr Nebenwirkungen auf.

Wirkung auf die Ergebnisse der Kernspintomografie (MRT) in zwei Jahren

In der Kernspintomografie werden Kontrastmittelanreicherungen und sogenannte T2-Herde sichtbar, die als Ausdruck der Entzündung bei MS betrachtet werden. Dabei können Herde größer werden oder ganz neu auftreten.

Die Wirkung von Glatirameracetat auf die MRT wurde in der Studie von Comi et al. (2001) betrachtet, jedoch nicht über den gesamten Zeitraum, sondern nur über 9 Monate hinweg. Sie ist deshalb nur begrenzt interpretierbar.

In der Studie wurde 239 Personen mit schubförmiger MS über 9 Monate entweder 20 mg Glatirameracetat oder Placebo täglich gespritzt, mit dem Ergebnis, dass Glatirameracetat signifikant die Krankheitsaktivität im MRT senkte.

Als KIS bezeichnet man die ersten Beschwerden, die auf eine MS hindeuten, also einen ersten Schub. Zusatzuntersuchungen liegen noch nicht vor oder die Ergebnisse lassen noch keine sichere MS Diagnose zu.

In der PRECISE Studie von Comi et al. (2009) wurden 481 Patienten mit KIS in 2 Gruppen aufgeteilt, die über bis zu 3 Jahre entweder Copaxone® oder ein Placebo erhielten. Patienten, die einen zweiten Schub hatten, wurden aus der Studie genommen und nahmen nicht volle 3 Jahre teil. Die teilnehmenden Patienten mussten für die Studie einen Schub und mindestens 2 T2-Läsionen in der MRT haben. Untersucht wurde dabei der Übergang zu einer klinisch sicheren MS durch einen zweiten Schub, die Zeit bis zu einem zweiten Schub und Nebenwirkungen. Es ergab sich, dass 18 von 100 Patienten durch Copaxone® zusätzlich ohne zweiten Schub blieben. Außerdem ergab sich eine Verlängerung der Zeit bis zum zweiten Schub von durchschnittlich 336 Tagen bei Placebo-Gabe im Vergleich zu 722 Tagen bei Copaxone®-Gabe. Die beobachteten Nebenwirkungen waren die Injektionsreaktion und die systemische Reaktion, die auch in anderen Studien beobachtet wurden. Copaxone® wurde nach der Studie 2009 in Deutschland für KIS zugelassen, die Zulassung wurde aber 2018 wieder zurückgezogen.

Nebenwirkungen

Welche Nebenwirkungen hat Glatirameracetat?

Die Darstellung der Nebenwirkungen erfolgt nach einer Metaanalyse der Cochrane Kollaboration. Hier konnten 1.244 Patienten analysiert werden. Zusammenfassende Daten für die systemische Reaktion finden sich nur bei Bornstein et al. (1987) und Johnson et al. (1995) mit 301 Patienten.

Die systemische Reaktion (oder auch systemische Postinjektionsreaktion) ist eine Kombination aus verschiedenen Symptomen (Gesichtsrötung, Brustenge, Schwitzen, Herzklopfen und Angstgefühle). Die Reaktion ist ungefährlich. Sie erscheint wenige Minuten nach der Injektion und klingt innerhalb von 30 Minuten wieder ab. Schwere allergische Reaktionen oder Anaphylaxie wurden in den Studien nicht berichtet, aber in Einzelfällen nach der Zulassung. In Einzelfällen kann es zu Lymphknotenschwellungen an verschiedene Stellen im Körper kommen, die unbedenklich sind.

Die häufigsten Nebenwirkungen im direkten Vergleich
(≥ 10 % der Patienten in einer Behandlungsgruppe)

Placebo Glatirameracetat
Systemische Reaktion (Herzklopfen, Schwitzen, Brustenge, Flush)
Schmerzen der Einstichstelle
Rötung der Einstichstelle
Schwellung der Einstichstelle
Jucken der Einstichstelle
Anteil Studienpatienten

Quelle: Cochrane-Analyse, La Mantia et al. 2010

Grundsätzlich ist wichtig zu wissen, dass Nebenwirkungen in Studien nicht nur bei den Patienten auftreten, die das Medikament erhalten, sondern auch in der Studiengruppe mit einem bekannten Medikament oder Placebo.

Schwere Nebenwirkungen und Todesfälle

Schwere Nebenwirkungen und Todesfälle

Durch Glatirameracetat bedingte schwere Nebenwirkungen und Todesfälle traten in den Studien nicht gehäuft auf.

Krebserkrankungen

Krebserkrankungen

Krebserkrankungen traten in der Studie nicht auf – weder in der Glatirameracetat-Gruppe noch in der Placebo-Gruppe.

Infektionen

Infektionen

Infekte traten bei der Therapie mit Glatirameracetat nicht gehäuft auf.

Neue Nebenwirkungen nach Abschluss der Zulassungsstudien

Welche neuen Nebenwirkungen wurden nach Abschluss der Zulassungsstudien berichtet?

In verschiedenen Langzeituntersuchungen hat sich gezeigt, dass 34-50 % der Patienten Veränderungen des Unterhautfettgewebes an den Einstichstellen entwickeln, die zu Unregelmäßigkeiten der Haut führen (sogenannte Lipodystrophie). Manchmal ist der Auslöser hier eine deutliche Entzündung des Fettgewebes. Selten kann es zum Verschluss eines Hautblutgefäßes mit Absterben eines Stück Hautgewebes und möglicher Narbenbildung kommen.

Einnahme

Wann sollte Glatirameracetat nicht eingenommen werden?

Glatirameracetat sollte nicht eingenommen bei

  • Einnahme anderer Medikamente, die das Immunsystem beeinträchtigen können.
  • Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Medikaments.

Wie wird die Medikamentengabe durchgeführt?

Glatirameracetat ist verfügbar als Einmalspritzen in 20 mg- oder 40 mg-Dosierung. In der Regel wird heutzutage eine Dosis von 40 mg 3 x pro Woche verordnet. Die Einleitung der Therapie sollte von einem Neurologen überwacht werden.

Vor Therapiebeginn

Worauf ist bei Therapiebeginn mit Glatirameracetat zu achten?

Aufklärungsgespräch: Vor der Entscheidung für eine Behandlung werden in einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch der Nutzen und die Risiken der Glatirameracetat-Therapie erläutert. Es muss genügend Zeit für den Informationsaustausch und die Entscheidungsfindung gegeben sein. Alle offenen Fragen sollten besprochen werden. Patienten müssen vor Behandlungsbeginn schriftlich in die Behandlung einwilligen.

Vorerkrankungen: Vor der Behandlung mit Glatirameracetat wird ein ausführliches Gespräch über Vorerkrankungen geführt und eine klinische Untersuchung vorgenommen. Außerdem erfolgt eine Routineblutuntersuchung (großes Blutbild, Leber- und Nierenwerte) und insbesondere eine Hepatitis-B-Serologie, auch um bestimmte Vorerkrankungen auszuschließen.

Impfungen: Grundsätzlich sollten vor Therapiebeginn alle Standardimpfungen durchgeführt werden, die die STIKO (Ständige Impfkommission) für Menschen empfiehlt, deren Immunsystem teilweise blockiert werden soll. Eine Impfung unter der Glatirameracetat-Therapie ist aber möglich und führt i.d.R. auch zum gewünschten Impferfolg.

Kernspintomografie (MRT): Vor Beginn einer Therapie mit Glatirameracetat sollte eine aktuelle MRT-Aufnahme Ihres Kopfes gemacht werden, nicht nur um einen Ausgangsbefund zu haben und den Therapieverlauf im Weiteren beurteilen zu können, sondern auch aus Sicherheitsaspekten.

Vortherapien: Falls Sie zuvor bereits eine Immuntherapie erhalten haben, sollte auf eventuelle Sicherheitsabstände geachtet werden, das Blutbild sollte nach Absetzen einer Vortherapie wieder normalisiert sein. Eine Kurzzeitbehandlung mit Kortikosteroiden (Kortison), z.B. zur Schubtherapie, ist auch während der Behandlung möglich. Sicherheitsabstände vor Therapie mit Glatirameracetat: Wenn Sie bisher keine andere MS-Therapie erhalten haben, mit einem Interferon-beta-Präparat oder mit Dimethylfumarat / Diroximelfumarat behandelt wurden, kann die Behandlung mit Glatirameracetat direkt ohne Sicherheitsabstand begonnen werden. Nach der Behandlung mit Teriflunomid sollte ein Abstand von vier Wochen eingehalten werden bzw. erst nach dem Auswaschen von Teriflunomid begonnen werden. Nach einer Behandlung mit den S1P-Rezeptor-Modulatoren Fingolimod oder Ozanimod sollte ein Abstand von nicht mehr als vier Wochen eingehalten werden, bei Siponimod oder Ponesimod reicht ein Abstand von einer Woche. Die Zeitintervalle sollten wegen der potentiellen Gefahr eines Rebounds nicht zu lange ausgedehnt werden. Nach einer Therapie mit Natalizumab bzw. dem Natalizumab-Biosimilar empfiehlt es sich spätestens nach 6 Wochen zu beginnen. Bei Patienten, die mit Cladribin behandelt wurden sind Abstände von 6 Monaten empfohlen, ebenso bei Vortherapie mit Alemtuzumab, Ocrelizumab, Ofatumumab oder anderen Antikörpern, die zielgerichtet Immunzellen zerstören (sogenannten depletierenden Antikörpern). Aufgrund des sehr guten Sicherheitsprofils von Glatirameracetat handelt es sich bei den vorgeschlagenen Abständen um Empfehlungen, die im Individualfall nach Rücksprache mit ihrem Neurologen auch anders gehandhabt werden können.

Was muss vor der Therapie mit Glatirameracetat kontrolliert werden?

Wir empfehlen die folgenden Kontrolluntersuchungen vor der Glatirameracetat-Therapie:

UntersuchungWann
Dokumentierte Aufklärung über Therapie und Risikenvor Therapiebeginn
Anamnese und klinische Untersuchungvor Therapiebeginn
Blutbild und Differenzialblutbildvor Therapiebeginn
Leber- und Nierenwertevor Therapiebeginn, um einen Ausgangswert zu bestimmen
Urinstatus, CRPvor Therapiebeginn, um Entzündungen auszuschließen
Schwangerschaftstestoptional für gebärfähige Patientinnen
MRT des Kopfesvor Therapiebeginn, um einen Ausgangsbefund zu erstellen

Während der Therapie

Was muss während der Therapie mit Glatirameracetat kontrolliert werden?

Wir empfehlen die folgenden Kontrolluntersuchungen während der Glatirameracetat-Therapie:

UntersuchungWann / Häufigkeit
klinisch-neurologische Untersuchungalle 3 Monate
Blutbild und Differenzialblutbildalle 3 Monate im ersten Therapiejahr, danach alle 6-12 Monate
Leber- und Nierenwertealle 3 Monate im ersten Therapiejahr, danach alle 6-12 Monate
MRT des Kopfesjährlich

Wie lange wird behandelt?

Es liegen bisher keine Daten über die notwendige Mindest- oder Maximalbehandlung vor. Es existieren Studien, in denen die Behandlung mit Glatirameracetat über 20 Jahre weitergeführt und beobachtet wird. Außer den bisher bekannten Nebenwirkungen wurden keine weiteren unerwünschten Wirkungen und Langzeitfolgen beobachtet.

Nutzen und Risiko der Therapie müssen laufend überprüft werden. Ein Abschätzen des Nutzens ist oft frühestens nach einem Jahr möglich. Als Hinweise für eine Wirksamkeit werden allgemeine Schubfreiheit und das Fehlen neuer Herde im MRT angesehen. Deshalb empfiehlt das KKNMS eine Ausgangs-MRT und anschließend eine MRT nach 12 und 24 Monaten, um Nutzen und auch mögliche Risiken abzuschätzen.

Häufige Fragen

Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft und Stillzeit

Tierexperimentelle Studien haben keine Reproduktionstoxizität gezeigt. Bisherige Erfahrungen an schwangeren Frauen deuten nicht auf ein Fehlbildungsrisiko oder eine fetale/neonatale Toxizität von Glatirameracetat hin. Bislang liegen keine relevanten epidemiologischen Daten vor. Aus Vorsichtsgründen soll eine Anwendung von Glatirameracetat während der Schwangerschaft vermieden werden, es sei denn, dass der Nutzen für die Mutter das Risiko für den Fetus überwiegt. Die physikalisch-chemischen Eigenschaften und die geringe orale Resorption legen nahe, dass die Exposition von Neugeborenen/Kindern gegenüber Glatirameracetat über die Muttermilch vernachlässigbar ist. Eine nicht-interventionelle retrospektive Studie, bei der 60 gestillte Kinder, deren Mütter Glatirameracetat erhalten hatten, mit 60 gestillten Kindern, deren Mütter keine krankheitsmodifizierende Therapie erhalten hatten, verglichen wurden, und begrenzte Erfahrungen am Menschen nach Markteinführung zeigten keine negativen Effekte von Glatirameracetat. Glatirameracetat (Copaxone®) kann während der Stillzeit angewendet werden.

Impfungen

Impfungen

Bisher sind keine negativen Effekte auf Impferfolge bekannt. Die verfügbaren Daten sprechen dafür, dass Standardimpfungen unter Glatirameracetat wirksam bleiben.

Sogenannte Lebendimpfstoffe, bei denen lebende, aber unschädlich gemachte Erreger verwendet werden, sollten (wie bei allen MS Patienten) möglichst vermieden werden.

Infektionen

Infektionen

Die Einnahme von Glatirameracetat geht nicht mit einem erhöhten Infektionsrisiko einher. Glatirameracetat muss beim Auftreten üblicher Infekte nicht abgesetzt werden.

Alternativen zu Glatirameracetat

Welche Alternativen gibt es zu Glatirameracetat?

Glatirameracetat ist nur eine von verschiedenen zugelassenen MS-Therapien zur Behandlung milder / moderater MS-Verläufe. Als Alternativen zur Behandlung dieser Verlaufsform stehen unterschiedliche Interferon-beta Präparate, Teriflunomid und Dimethylfumarat / Diroximelfumarat zur Verfügung.

Literatur

Veröffentlichungen:

  • Bornstein MB et al. A pilot trial of Cop 1 in exacerbating-remitting multiple sclerosis. N Engl J Med. 1987.
    Zulassungsstudie mit Placebo und Glatirameracetat als Vergleich.
  • Comi G et al. European / Canadian multicenter, double-blind, randomized, placebo-controlled study of the effects of glatiramer acetate on magnetic resonance imaging-measured disease activity and burden in patients with relapsing multiple sclerosis. European / Canadian Glatiramer Acetate Study Group. Ann Neurol 2001.
    MRT-Studie über 9 Monate mit Placebo und Glatirameracetat als Vergleich.
  • Johnson KP et al. Copolymer 1 reduces relapse rate and improves disability in relapsing-remitting multiple sclerosis: results of a phase III multicenter, double-blind placebo-controlled trial. The Copolymer 1 Multiple Sclerosis Study Group. Neurology 1995.
    Zulassungsstudie von 1995 mit Placebo und Glatirameracetat als Vergleich.
  • Khan O et al. Three Times Weekly Glatiramer Acetate in Relapsing– Remitting Multiple Sclerosis. Ann Neurol 2013 Jun; 73(6):705-13.
    Zulassungsstudie von Glatirameracetat mit 40 mg 3 x wöchentlich im Vergleich zu Placebo über 12 Monate.
  • La Mantia L, Munari, Lovati R. Glatiramer acetate for multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010 May 12;(5):CD004678.
    Zusammenfassung und Überblick der Zulassungsstudien.
  • La Mantia L et al. Interferons-beta versus glatiramer acetate for relapsing-remitting multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 11. Art. No.: CD009333. DOI: 10.1002/ 14651858. CD009333. pub3.
    Zusammenfassung und Analyse von Glatirameracetat im Vergleich zu Interferon-beta.

Übersicht Glatiramer Präparate:

Gelbe Liste: Glatiramer

Autoren

  • Prof. Dr. Christoph Heesen und seine Mitarbeiterinnen Dr. med. Insa Schiffmann, Anne Schneider, Cand. Med., Dr. med. Klarissa Stürner und Marie Toussaint, Cand. Med. 

    INIMS, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

  • Prof. Dr. Uwe K. Zettl

    Sektion Neuroimmunologie, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Rostock

  • Prof. Dr. Mathias Mäurer

    Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Klinikum Würzburg Mitte, Standort Juliusspital, Würzburg

Weitere Informationen unter „Credits“.

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Autoren

Autoren

Wer hat das Handbuch erstellt?

Die vorliegenden Informationen wurden vom krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) in enger Abstimmung mit dem Fachausschuss Versorgungsstrukturen und Therapeutika und dem Vorstand des ärztlichen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V. erstellt sowie mit den Betroffenenvertretern und Vertretern des Bundesbeirats MS-Erkrankter der DMSG abgestimmt.

Die Pharmafirmen hatten Gelegenheit das Handbuch zu kommentieren.

Gibt es Interessenkonflikte der Autoren?

xxx

Prof. Dr. Christoph Heesen und seine Mitarbeiterinnen Dr. med. Insa Schiffmann, Anne Schneider, Cand. Med., Dr. med. Klarissa Stürner und Marie Toussaint, Cand. Med. 

INIMS, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Prof. Dr. Clemens Warnke 

Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinik Köln

Prof. Dr. Hayrettin Tumani 

Neurologie, Universitätsklinikum Ulm am RKU