MS

Dimethylfumarat

Tecfidera®

Das Medikament

Kurzgefasst: Dimethylfumarat (Tecfidera®) ist ein Medikament zur Behandlung der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose (MS). Dimethylfumarat wird als Hartkapsel in einer Dosierung von 120 bzw. 240 mg 2 x täglich oral eingenommen. Dimethylfumarat reduziert die Schubrate und es kommt weniger oft zu einer Zunahme der Behinderung. Als wichtigste Nebenwirkungen treten Flushing (Gesichtsrötung, Hitzegefühl), Magen-Darm-Beschwerden und eine Verminderung der weißen Blutzellen auf. Zur Überwachung muss insbesondere zu Beginn der Therapie alle 6-8 Wochen ein Blutbild gemacht werden.

Was ist Dimethylfumarat (Tecfidera®)?
Dimethylfumarat (Tecfidera®) ist abgeleitet von der Fumarsäure, einer in der Natur häufig vorkommenden organisch-chemischen Substanz. Eine Variante der Fumarsäure wurde erstmals 1959 zur Behandlung der Schuppenflechte eingesetzt und ist seit fast 30 Jahren in dieser Indikation zugelassen.

Wie wirkt Dimethylfumarat (Tecfidera®)?
Die genaue Wirkungsweise von Dimethylfumarat bei MS ist nicht vollständig geklärt. Die Substanz besitzt immunmodulatorische Eigenschaften und führt zum Anstieg regulatorischer Zellen und einer Reduktion proinflammatorischer und zytotoxischer T-Zellen. Darüber hinaus werden ihr nicht-immunologische Wirkung im zentralen Nervensystem über die Aktivierung anti-oxidativer Gene (Nrf2) zugeschrieben.

Für wen ist Dimethylfumarat (Tecfidera®) zugelassen?
In der Europäischen Union ist Dimethylfumarat (Tecfidera®) seit 2014 zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schubförmig verlaufender MS zugelassen. 2022 wurde die Indikation erweitert auf die Behandlung von Jugendlichen ab 13 Jahren.

Wie wird Dimethylfumarat (Tecfidera®) verabreicht?
Dimethylfumarat (Tecfidera®) wird 2 x täglich (morgens und abends) als Hartkapsel eingenommen. Zugelassen ist eine Dosis von 2 x 120 mg („Startdosis“) in Woche 1, welche in Woche 2 aufdosiert wird auf 2 x 240 mg („Erhaltungsdosis“). In der Praxis hat sich ein langsameres Aufdosierungsschema bewährt: Start mit 1 x 120 mg in der 1. Woche, gefolgt von 2 x 120 mg in der 2. Woche, 120 mg morgens und 240 mg abends in der 3. Woche und 2 x 240 mg ab der 4. Woche.

Wirkung

Klinische Studien zur Wirksamkeit von Dimethylfumarat (Tecfidera®) bei schubförmiger MS

Die Wirkung von Dimethylfumarat (Tecfidera®) auf die Schubrate und die Zunahme der Behinderung wurde in zwei großen Zulassungsstudien (DEFINE und CONFIRM) geprüft und die Ergebnisse wurden 2012 veröffentlicht.

Insgesamt wurden 2.667 erwachsene Patienten mit aktiver MS über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht. Eingeschlossen wurden Patienten mit aktiver MS, die in den letzten 12 Monaten vor Studienbeginn mindestens einen Schub hatten oder bei denen bis zu sechs Wochen vor Studienbeginn eine kontrastmittelaufnehmende Läsion in der MRT sichtbar war.

In DEFINE wurden zwei unterschiedliche Dimethylfumarat-Dosierungen mit Placebo verglichen (3 Gruppen). In CONFIRM wurden zwei Dimethylfumarat-Dosierungen mit Placebo und Glatirameracetat (Copaxone®) verglichen (4 Gruppen). Magnetresonanztomographie (MRT)-Untersuchungen wurden nur an ausgewählten Studienzentren durchgeführt, weshalb nur für eine Untergruppe von 888 Patienten MRT-Ergebnisse vorliegen.

Die Darstellung der Ergebnisse bezieht sich auf die zugelassene, 2 x tägliche Gabe. Die in den Studien ebenfalls getestete 3 x tägliche Gabe war insgesamt nicht wirksamer. Insgesamt zeigten beide Studien eine signifikant überlegene Wirksamkeit von Dimethylfumarat gegenüber Placebo.

Wirkung auf die Verhinderung von Krankheitsschüben

Im Folgenden wird erklärt, wie viele Patienten nach zwei Jahren Therapie mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) oder Einnahme von Placebo noch schubfrei waren. Daraus kann man den absoluten Nutzen (absolute Risikoreduktion) und den relativen Nutzen (relative Risikoreduktion) berechnen.

  • Absoluter Nutzen:
    Der tatsächliche Therapieeffekt zeigt sich, wenn man die Anzahl der Patienten mit Schüben in der Dimethylfumarat-Gruppe (28 von 100 Patienten) von denen mit Schüben in der Placebo-Gruppe (44 von 100 Patienten) abzieht. Tatsächlich profitieren 44-28=16, also 16 von 100 Patienten von der Therapie.

    Entspricht einer absoluten Risikoreduktion von: 16 %.
  • Relativer Nutzen:
    Wird die Wirkung nur bezogen auf die Patienten mit Schüben dargestellt, haben in der Placebo-Gruppe 44 von 100 Patienten einen Schub und in der Dimethylfumarat-Gruppe sind es mit 28 von 100 Patienten 16 weniger. 16 von 44 sind in Prozent umgerechnet 36%.

    Entspricht einer relativen Risikoreduktion von: 36%.

Wirkung auf die Anzahl der Schübe pro Jahr

Die jährliche Schubrate zeigt, wie viele Schübe durchschnittlich pro Jahr pro Patient auftraten. Sie lag in der Placebo-Gruppe bei 0,37 Schüben gegenüber 0,19 in der Dimethylfumarat-Gruppe. Etwas verständlicher ausgedrückt: Die Patienten in der Placebo-Gruppe hatten im Durchschnitt alle 3 Jahre einen Schub, die Patienten in der Dimethylfumarat-Gruppe nur alle 5 Jahre.

Wirkung auf die Verhinderung des Fortschreitens der Behinderung

Die Behinderungsprogression wird innerhalb einer klinischen MS-Studie gemessen, indem man untersucht, wie viel Prozent der Patienten einer Studiengruppe sich während der Studiendauer um einen EDSS-Punkt auf der Behinderungsskala verschlechtert haben (wobei diese Verschlechterung nach 3 Monaten nochmals bestätigt wird, um auch wirklich dauerhafte Veränderung zu bewerten).

Im Folgenden wird erklärt, wie viele Patienten nach 2 Jahren Therapie mit Dimethylfumarat oder Einnahme von Placebo keine Zunahme der Behinderung hatten. Dargestellt sind wieder der absolute Nutzen (absolute Risikoreduktion) und der relative Nutzen (relative Risikoreduktion).

  • Absoluter Nutzen:
    Der tatsächliche Therapieeffekt zeigt sich, wenn man die Anzahl der Patienten mit einer Zunahme der Behinderung in der Dimethylfumarat-Gruppe (14 von 100 Patienten) von denen mit einer Zunahme der Behinderung in der Placebo-Gruppe (22 von 100 Patienten) abzieht. Tatsächlich profitieren 22-14=8, also 8 von 100 Patienten von der Therapie.

    Entspricht einer absoluten Risikoreduktion von: 8 %
  • Relativer Nutzen: Wird die Wirkung nur bezogen auf die Patienten mit einer Zunahme der Behinderung dargestellt, haben in der Placebo-Gruppe 22 von 100 Patienten eine Zunahme der Behinderung und in der Dimethylfumarat-Gruppe sind es mit 14 von 100 Patienten 8 weniger. 8 von 22 sind in Prozent umgerechnet 36 %.

    Entspricht einer relativen Risikoreduktion von: 36 %

Wirkung auf die Ergebnisse der Kernspintomografie (MRT)

In der Kernspintomografie werden Kontrastmittelanreicherungen und sogenannte T2-Herde sichtbar, die als Ausdruck der Entzündung bei MS betrachtet werden. Dabei können Herde größer werden oder ganz neu auftreten.

20 % der Patienten in der Placebo-Gruppe und 36 % der Patienten in der Dimethylfumarat-Gruppe waren über die Studiendauer frei von neuen oder vergrößerten T2-Herden.

62 % der Patienten in der Placebo-Gruppe und 87 % der Patienten in der Dimethylfumarat-Gruppe hatten über die Studiendauer keine Herde mit Kontrastmittelanreicherungen.

In den Zulassungsstudien von Dimethylfumarat wurde NEDA („no evidence of disease activity“) bei Placebo in 49 % der Patienten und bei Dimethylfumarat in 65 % der Patienten erreicht. Das sind die Patienten, bei denen es über zwei Jahre keine Anzeichen einer Krankheitsaktivität gab.

Nebenwirkungen

Welche Nebenwirkungen hat Dimethylfumarat (Tecfidera®)?

In den Sicherheits- und Verträglichkeitsdaten aus den Zulassungsstudien mit 2.667 Patienten werden folgende häufige Nebenwirkungen aufgezeigt:

  • Flushing (Gesichtsrötung, Hitzegefühl)
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Erhöhung der Leberwerte
  • Sekundäre Autoimmunerkrankungen

Die häufigsten Nebenwirkungen im direkten Vergleich
(≥ 10 % der Patienten in einer Behandlungsgruppe)

Placebo Dimethylfumarat
Oberbauchschmerzen
Übelkeit
Durchfall
Gesichtsrötung, Hitzegefühl
Anteil Studienpatienten

Quelle: Zulassungsstudien DEFINE und CONFIRM

Eine Gesichtsrötung bzw. Hitzegefühl (Flushing) trat am häufigsten (bei 34 % der Patienten) innerhalb der ersten vier Wochen auf. Nach einem Monat war die Gesichtsrötung noch bei 5 % der Patienten nachweisbar, nach einem Jahr bei 3 %. Die Einnahme von Aspirin® (200 – 400 mg) 30 Minuten vor der Einnahme von Dimethylfumarat (Tecfidera®) kann das Flushing mindern. Allerdings sollte Aspirin nach spätestens vier Wochen wieder abgesetzt werden, woraufhin das Flushing zurückkehren kann.

Zu den Magen-Darm-Beschwerden zählen Durchfall (14%), Übelkeit (12 %), Oberbauchschmerzen (10 %), Abdominalschmerzen (9%) und Erbrechen (8 %). Diese waren zu Beginn häufiger und klangen meist nach einigen Wochen ab. Nach vier Wochen berichteten noch 6 % der Patienten, die Dimethylfumarat einnahmen, über Magen-Darm-Beschwerden, aber auch 4 % derjenigen, die ein Placebo bekamen. Nach einem Jahr waren es nur noch 2 %. Treten unter der Behandlung Durchfälle und Erbrechen auf, ist die Wirkung einer oralen Verhütungsmethode nicht mehr zuverlässig.

Eine deutliche Verminderung (unter 3.000 Zellen/μl) der Zahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) im Blut trat bei 6 von 100 Patienten unter der Einnahme von Dimethylfumarat auf. Insbesondere eine Untergruppe, die Lymphozyten, war dabei betroffen, bei 4 von 100 Patienten sank die Zahl auf unter 500/µl.

Allergische Reaktion

Allergische Reaktion

Nach Markteinführung wurden Fälle von Anaphylaxie/allergischer Reaktion nach Einnahme von Dimethylfumarat berichtet. Typische Symptome sind Atemnot, niedriger Blutdruck, Schwellungen (Angioödem), Ausschlag oder Nesselsucht (Urtikaria).

Schwere Nebenwirkungen und Todesfälle

Schwere Nebenwirkungen und Todesfälle

Durch Dimethylfumarat bedingte schwere Nebenwirkungen und Todesfälle traten in den Studien nicht gehäuft auf. In einer Dimethylfumarat-Gruppe kam es zu einem Schub mit tödlichen Komplikationen und in einer Placebo-Gruppe trat ein tödlicher Schlaganfall auf. Zwei weitere Todesfälle bei Patienten, die mit Dimethylfumarat behandelt wurden, waren durch Unfälle bedingt.

Infektionen

Infektionen

Infekte traten bei der Therapie mit Dimethylfumarat nicht gehäuft auf. Dennoch ist zu beachten, dass alle Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen, das Infektionsrisiko erhöhen können. Im Zusammenhang mit Dimethylfumarat wurden in der Langzeit-Verlängerungsstudie Fälle von Herpes Zoster berichtet.

Progressive multifokale Leukenzephalopathie

Progressive multifokale Leukenzephalopathie

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) ist eine Viruserkrankung des Gehirns durch den JC-Virus. Sie tritt nur bei Menschen mit geschwächter Abwehr auf und kann zu schweren Behinderungen führen oder sogar tödlich sein. Bis September 2023 waren 12 von über 595.900 weltweit mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) behandelten MS-Patienten von einer PML betroffen. Möglicherweise steht das Risiko einer PML bei Behandlung mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) im Zusammenhang mit einer deutlich reduzierten Lymphozytenzahl. Alle der bisher 12 gesicherten PML-Fälle unter Therapie mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) hatten eine reduzierte Lymphozytenzahl, 9 dieser Fälle hatten über längere Zeit eine deutlich reduzierte Lymphozytenzahl. Nach Übereinkunft von MS-Spezialisten und Behörden wurde der untere Grenzwert für Lymphozyten auf 500 pro Mikroliter (μl) festgelegt. Dieser Wert sollte nicht dauerhaft unterschritten werden und die Therapie mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) sollte in diesem Fall beendet werden. Bei einem Lymphozyten-Wert zwischen 500 und 800/μl wird eine stärkere Überwachung empfohlen.

Einnahme

Wann sollte Dimethylfumarat (Tecfidera®) nicht eingenommen werden?

Dimethylfumarat sollte nicht eingenommen werden …

  • von Kindern unter 13 Jahren.
  • während der Schwangerschaft und Stillzeit.
  • bei einer Allergie gegen Dimethylfumarat.
  • bei Magen-Darm-Erkrankungen, Leber- oder Nieren-Erkrankungen.
  • bei chronischen Infektionen wie Hepatitis oder AIDS, insbesondere bei Verdacht auf oder Nachweis einer PML.
  • bei Lymphopenie < 500 pro Mikroliter (μl).

Zu Beginn der Therapie ist auf eine langsame Steigerung der Dimethylfumarat-Dosis zu achten, da sich dadurch die Magen-Darm-Beschwerden und das Flushing reduzieren lassen und die Gesamtverträglichkeit deutlich steigt. Wir schlagen eine Aufdosierung in folgender Weise vor:

Woche1234
Dosierung morgens120 mg120 mg240 mg240 mg
Dosierung abends(bis 120 mg)120 mg
(bis 240 mg)
120 mg
(bis 240 mg)
240 mg

Die klinische Erfahrung zeigt, dass die Verträglichkeit von Dimethylfumarat bei Einnahme zu den Mahlzeiten, insbesondere bei der gleichzeitigen Einnahme von Milchprodukten besser ist.

Vor Therapiebeginn

Worauf ist bei Therapiebeginn mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) zu achten?

Aufklärungsgespräch: Vor der Entscheidung für eine Behandlung werden in einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch Nutzen und Risiken der Dimethylfumarat-Therapie erläutert. Es muss genügend Zeit für den Informationsaustausch und die Entscheidungsfindung gegeben sein. Alle offenen Fragen sollten besprochen werden. Sie müssen vor Behandlungsbeginn schriftlich in die Behandlung einwilligen.

Vorerkrankungen: Vor der Behandlung mit Dimethylfumarat wird ein ausführliches Gespräch über Vorerkrankungen geführt und eine klinische Untersuchung vorgenommen. Außerdem erfolgt eine Routineblutuntersuchung, auch um bestimmte Vorerkrankungen auszuschließen.

Impfungen: Weil Dimethylfumarat in die Reaktionsfähigkeit des Immunsystems eingreift, sollten vor Therapiebeginn alle Standardimpfungen durchgeführt werden, insbesondere die Indikationsimpfungen, die von der STIKO (Ständige Impfkommission) für Menschen mit eingeschränkter Immunfunktion empfohlen sind. Grundsätzlich können Impfungen mit Totimpfstoffen (die meisten Indikationsimpfungen werden mit Totimpfstoffen vorgenommen) auch unter Therapie mit Dimethylfumarat gegeben werden. In den meisten Fällen wird auch ein ausreichender Impferfolg erzielt werden. Dennoch ist es ratsam alle notwendigen Impfungen bereits vor Beginn einer Immuntherapie zu vervollständigen.

Kernspintomografie (MRT): Vor Beginn einer Therapie mit Dimethylfumarat soll eine aktuelle (nicht älter als 3 Monate) MRT-Aufnahme Ihres Kopfes gemacht werden, um den Therapieverlauf im Weiteren beurteilen zu können. Auch aus Sicherheitsaspekten empfiehlt sich vor dem Beginn einer neuen Immuntherapie immer eine MRT-Kontrolle.

Vortherapien: Falls Sie zuvor bereits eine Therapie erhalten haben, die das Immunsystem beeinflusst oder hemmt, müssen Sicherheitsabstände eingehalten werden. Diese richten sich nach der Wirkdauer der Medikamente. Grundsätzlich sollte sich das Blutbild nach Absetzen einer Vortherapie wieder normalisiert haben. Eine Kurzzeitbehandlung mit Kortikosteroiden (Kortison), z.B. zur Schubtherapie, ist auch während der Behandlung möglich. Sicherheitsabstände vor Therapie mit Dimethylfumarat: Wenn Sie bisher keine andere MS-Therapie erhalten haben oder mit einem Interferon-beta Präparat bzw. Glatirameracetat behandelt wurden, kann die Behandlung direkt ohne Sicherheitsabstand begonnen werden. Nach einer Behandlung mit Teriflunomid muss ein Sicherheitsabstand von mindestens einem Monat eingehalten werden. Nach einer Behandlung mit den S1P-Rezeptor-Modulatoren Fingolimod oder Ozanimod muss ein Sicherheitsabstand von mindestens vier Wochen, bei Siponimod oder Ponesimod ein Abstand von 1 – 2 Wochen eingehalten werden. Patienten, die mit Natalizumab vorbehandelt wurden, sollten einen Abstand von sechs bis acht Wochen vor der Umstellung einhalten. Bei Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, wie Mitoxantron, Azathioprin, Methotrexat und Cyclophosphamid, müssen mindestens drei Monate abgewartet werden. Patienten, die mit Cladribin behandelt wurden, müssen einen Abstand von mindestens sechs Monaten einhalten. Sollten Sie zuvor mit Alemtuzumab, Ocrelizumab oder Ofatumumab behandelt worden sein, muss mindestens sechs bis zwölf Monate abgewartet werden.

Was muss vor der Therapie mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) kontrolliert werden?

Wir empfehlen die folgenden Kontrolluntersuchungen vor der Dimethylfumarat-Therapie:

UntersuchungWann
Dokumentierte Aufklärung über Therapie und Risikenvor Therapiebeginn
Anamnese und klinische Untersuchungvor Therapiebeginn, um Gegenanzeigen (z.B. gastrointestinalen Vorerkrankungen) zu identifizieren
Blutbild und Differenzialblutbildvor Therapiebeginn
Bestimmung der Leber- und Nierenfunktionswertevor Therapiebeginn, um einen Ausgangswert zu bestimmen
Bestimmung der Elektrolyte (K, Na, Cl)vor Therapiebeginn, um einen Ausgangswert zu bestimmen
Urinuntersuchung, CRP-Wertvor Therapiebeginn, um Entzündungen auszuschließen
Untersuchung auf HIV, Hepatitis B und C und Tuberkulosevor Therapiebeginn, um chronisch aktive bakterielle und virale Infektionen auszuschließen
Schwangerschaftstest für gebärfähige PatientinnenVor Therapiebeginn, um eine Schwangerschaft auszuschließen
Impfstatus überprüfen und gegebenenfalls Impfungen auffrischenvor Therapiebeginn
Kernspintomografie des Kopfesvor Therapiebeginn, um einen Ausgangsbefund zu erstellen

Während der Therapie

Was muss während der Therapie mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) kontrolliert werden?

Wir empfehlen die folgenden Kontrolluntersuchungen während der Dimethylfumarat-Therapie:

UntersuchungWann / Häufigkeit
Großes Blutbildalle 6-8 Wochen, zwingend
Leber- und Nierenfunktionswertenach 3-6 Monaten, dann alle 6-12 Monate
klinisch-neurologische Untersuchungalle 6 Monate
Kernspintomografie des Kopfeseinmal im Jahr

Kontrolle der Leukozyten- und Lymphozyten-Werte

  • Bei Leukozytenwerten unter 3.000/μl und Lymphozytenwerten unter 500/μl sollte das Medikament ausgesetzt werden.
  • Wenn die 6-wöchigen Blutbildkontrollen im 1. Therapiejahr unauffällig waren, können sie ab dem 2. Jahr alle 3-6 Monate erfolgen. Wird aber ein Abfall der Lymphozytenzahlen beobachtet, muss wieder häufiger kontrolliert werden.

Wie lange wird behandelt?

Dimethylfumarat (Tecfidera®) wird als Dauertherapie eingesetzt. Nutzen und Risiko der Einnahme müssen laufend überprüft werden. Ein Abschätzen des Nutzens ist oft frühestens nach einem Jahr möglich. Als Hinweise für eine Wirksamkeit werden allgemeine Schubfreiheit und das Fehlen neuer Herde in der MRT angesehen. Deshalb empfiehlt das KKNMS eine Ausgangs-MRT und anschließend jährlich eine MRT, um Nutzen und auch mögliche Risiken abzuschätzen.

Häufige Fragen

Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangerschaft und Stillzeit

Dimethylfumarat (Tecfidera®) sollte in Schwangerschaft und Stillzeit vermieden werden. Dies ist als Vorsichtsmaßnahme zu werten, eine schädigende Wirkung auf den Embryo ist bislang aus Schwangerschaftsregistern nicht bekannt. Im Tecfidera®-Schwangerschaftsregister wurden 289 Schwangerschaftsausgänge bei MS-Patientinnen dokumentiert, die Dimethylfumarat in der Frühschwangerschaft ausgesetzt waren. Bei keiner kam es zu Komplikationen, die durch Dimethylfumarat verursacht wurden. Das Risiko einer längeren Exposition gegenüber Dimethylfumarat oder einer Exposition in einem späteren Stadium der Schwangerschaft ist nicht bekannt. Das Medikament sollte nur in Ausnahmefällen in der Schwangerschaft eingesetzt werden.

Bisher ist nicht bekannt, ob Dimethylfumarat (Tecfidera®) in die Muttermilch übergeht und ein Risiko für das Neugeborene/Kind kann nicht ausgeschlossen werden. Daher sollte Dimethylfumarat in der Stillzeit nicht eingenommen werden.

Impfungen

Impfungen

Bisher sind keine negativen Effekte auf Impferfolge bekannt, Standardimpfungen (Totimpfstoffe) bleiben unter Dimethylfumarat (Tecfidera®) wirksam. Lebendimpfstoffe, bei denen lebendige, aber unschädlich gemachte Erreger verwendet werden, sollten möglichst vermieden werden.

Infektionen

Infektionen

Grundsätzlich muss Dimethylfumarat (Tecfidera®) beim Auftreten üblicher Infekte nicht abgesetzt werden. Bei schweren Infekten oder gehäuften Infekten muss im Einzelfall jedoch ein Absetzen erwogen werden, insbesondere bei verminderter Lymphozytenzahl.

Ältere Menschen

Ältere Menschen

In den klinischen Studien zu Dimethylfumarat (Tecfidera®) wurden nur eine begrenzte Anzahl von Patienten im Alter von 55 Jahren und älter und keine ausreichende Anzahl von Patienten im Alter von 65 Jahren und älter untersucht, um feststellen zu können, ob diese auf das Arzneimittel anders reagieren als jüngere Patienten. Aufgrund der Wirkungsweise von Dimethylfumarat (Tecfidera®) gibt es keine theoretische Begründung für eine erforderliche Dosisanpassung bei älteren Patienten.

Alternativen zu Dimethylfumarat

Welche Alternativen gibt es zu Dimethylfumarat (Tecfidera®)?

Dimethylfumarat (Tecfidera®) ist nur eine von verschiedenen zugelassenen Therapien der schubförmigen MS.

Aufgrund seiner Wirksamkeit in klinischen Studien, empfiehlt das KKNMS die Anwendung von Dimethylfumarat bei milder/moderater Krankheitsaktivität. Dementsprechend stellen die Interferon-beta Präparate, Glatirameracetat und Teriflunomid innerhalb der Wirksamkeitskategorie von Dimethylfumarat mögliche Alternativen dar.

Literatur

Veröffentlichungen

  • CONFIRM: Fox RJ et al. Placebo-controlled phase 3 study of oral BG-12 or glatiramer in multiple sclerosis. N Engl J Med. 2012 Sep 20;367(12):1087-9.
    Zulassungsstudie mit Placebo und Copaxone als Vergleich.
  • DEFINE: Gold R et al. Placebo-controlled phase 3 study of oral BG-12 for relapsing multiple sclerosis. N Engl J Med. 2012 Sep 20;367(12):1098-107.
    Zulassungsstudie mit Placebo als Vergleich.
  • O‘Gorman J et al. Effect of aspirin pretreatment or slow dose titration on flushing and gastrointestinal events in healthy volunteers receiving delayed-release dimethyl fumarate. Clin Ther. 2015 Jul 1;37:1402-19.
    Untersuchung zum Nutzen von einschleichendem Aufdosieren und Aspiringabe, um Flush-Beschwerden zu lindern.
  • Phillips JT et al. Clinical significance of gastrointestinal and flushing events in patients with multiple sclerosis treated with delayed-release dimethyl fumarate. Int J MS Care 2015 Sep – Oct;17:236-43.
    Analyse der Entwicklung der Hauptnebenwirkungen unter Dimethylfumarat (Tecfidera®) über zwei Jahre aus den Zulassungsstudien.
  • Viglietta V et al. Efficacy of delayed-release dimethyl fumarate in relapsing-remitting multiple sclerosis: integrated analysis of the phase 3 trials. Ann Clin Transl Neurol. 2015 Feb;2(2):103-18.
    Zusammenfassende Analyse beider Zulassungsstudien.
  • Xu Z et al. Dimethyl fumarate for multiple sclerosis (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews. 2015; Issue 4. Art. No.: CD011076.
    Qualitativ hochwertige Metaanalyse aller Dimethylfumarat (Tecfidera®)-Studien nach Kriterien der Cochrane Collaboration.

Fachinformation Dimethylfumarat:

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Autoren

Autoren der ursprünglichen Printversion (Februar 2018):

  • Prof. Dr. Christoph Heesen und seine Mitarbeiterinnen Dr. phil. Anne Rahn, Dr. med. Insa Schiffmann und Dr. med. Klarissa Stürner
    INIMS, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • Prof. Dr. Uwe K. Zettl
    Sektion Neuroimmunologie, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Rostock

Reviewer der Online Version:

  • Prof. Dr. Ingo Kleiter
    Marianne-Strauß-Klinik, Behandlungszentrum Kempfenhausen für Multiple Sklerose Kranke gemeinnützige GmbH, Berg
  • Prof. Dr. Mathias Mäurer
    Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Klinikum Würzburg Mitte, Standort Juliusspital, Würzburg

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Autoren

Prof. Dr. Christoph Heesen und seine Mitarbeiterinnen Dr. phil. Anne Rahn, Dr. med. Insa Schiffmann und Dr. med. Klarissa Stürner

INIMS, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Prof. Dr. Mathias Mäurer

Klinik für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation, Klinikum Würzburg Mitte, Standort Juliusspital, Würzburg